2007

In Nkandla (Südafrika) betreiben die Mallerdorfer Schwestern unter der Leitung von Sr. Dr. Ellen Lindner ein Projekt für Aids-Waisen.

 

Dort gibt es viele sogenannte Kinder-Familien, d. h. die Eltern und die meisten Verwandten der Familie sind zumeist an Aids gestorben. Deshalb müssen die älteren Kinder ihre jüngeren Geschwister versorgen.

 

In Prien am Chiemsee veranstalteten im Juni 2007 das Ludwig-Thoma-Gymnasium und die Realschule zusammen einen „Run for Life“ zugunsten dieses Projekts.

 

Die 1200 Schüler haben

 

32.000,- €

 

„erlaufen“. So konnte über 500 dieser armen Familien im Zulu-Land mit Lebensmitteln, Medikamenten und anderer sozialer Betreuung geholfen werden.

Brief aus Nkandla

von Sr. Ellen

 

Ein herzliches Grüß Gott an Sie alle,

liebe Schülerinnen und Schüler der Realschule Prien und des Ludwig-Thoma-Gymnasiums, Herrn Oberstudiendirektor Günther Madsack mit dem gesamten Lehrerkollegium, Herrn Karl Lau, Realschulrektor, mit dem gesamten Lehrerkollegium, Herrn Gerhard Jell, und allen Freunden und Förderern unseres Projekts in Prien.

Sie haben sich mittlerweile natürlich längst vom Muskelkater der ‘Run for Life’ Aktion erholt – und fragen sich wahrscheinlich wie lange es noch dauern wird, bis aus Nkandla endlich ein Echo eintrifft!

Unser ‘delayed response’ liegt mit Sicherheit nicht an der geographischen Entfernung zwischen Prien und Nkandla. Diese Korrespondenz hätte Sie seit langem erreichen müssen, denn Sie sollen wissen, wie viel uns Ihr Einsatz für uns bedeutet: wie tief uns Ihre Mitsorge um Menschen in Not berührt hat; welche Freude Ihre Solidaridät bei uns ausgelöst hat; welchen Rückenwind wir durch Ihre Initiative verspüren; wie viel Mut und Kraft wir daraus schöpfen für unser Engagement hier im Zululand.

Ich beschreibe ganz einfach, wie unsere Tätigkeit in Nkandla aussieht, und in welchen Bereichen Ihre Spende Verwendung gefunden hat.

Da ist zum einen das Sizanani Centre

Dort leben 32 Kinder mit unterschiedlichsten persönlichen Geschichten und Bedürfnissen. 10 unserer Kinder sind sogenannte AIDS-Waisen. Ihre Eltern sind an AIDS gestorben. Sie selber nehmen antiretrovirale Medikation ein, zwei Mal täglich – ihr Leben lang. Zwei weitere Kinder sind HIV positiv, sind jedoch noch nicht behandlungsbedürftig. Andere Kinder sind entweder ebenfalls verwaist, oder kommen als ‘Sozialwaisen’ zu uns – ausgesetzt, vernachlässigt, mißbraucht (leider oftmals auch sexuell). Einem Zeitungsberichtzufolge wurden im vergangenen Jahr 52 617 Vergewaltigungen in Südafrika gemeldet, die Dunkelziffern nicht eingeschlossen!

Wir versuchen den Kindern, die traumatisiert durch harte Lebensschicksale oder verängstigt durch Krankheit und Tod zu uns kommen, vor allem ein warmes zu Hause zu bieten mit Geborgenheit und Stabilität. Zudem ermutigen wir sie aus ihren aufgezwungenen ‘Erwachsenenrollen’ auszusteigen und erst mal wieder richtig Kind zu werden. Manche haben es ganz verlernt zu spielen. Sie sind es gewohnt für ihre Geschwister zu sorgen, irgendwo Essen zu finden... und Stehlen ist für sie reine Überlebenstaktik.

Im Sizanani Centre werden gegenwärtig 32 Kinder rund um die Uhr versorgt:

Celimpilo, die Jüngste, ist 18 Monate alt. Sie wurde von der Polizei zu uns gebracht, gerade ½ Jahr alt. Ihre Mutter, Alkoholikerin, hatte sie umbringen wollen. Mit Celimpilo zusammen betreuen wir 10 Kinder unter vier Jahren. (Alles, was an Pampers usw. in dieser Alterskategorie benötigt wird, haben Sie im letzten Halbjahr finanziell mitgetragen.

Unsere täglichen Wäscheberge können Sie sich vorstellen. Die neue Waschmaschine plus Trockner erleichtern die Arbeit in der Waschküche. Ihnen in Prien auch dafür ein sehr herzliches Dankeschön!
Dann geht es in unserer Kinderschar altersmäßig gestaffelt nach oben – bis hin zu einem 16-jährigen Jungen. In dieser bunt gewürfelten Schar finden sich 20 Schüler. Sie besuchen die lokalen umliegenen Schulen. Dank Ihrer Hilfe konnten wir für alle Schulkleidung und die nötigen Schulausrüstungen besorgen. Wir decken auch die Ausgaben für den Schultransport zu den weiter entfernt liegenden Schulen. Am Nachmittag ermöglichen freiwillige Mitarbeiter (überwiegend aus dem Ausland) Hausaufgabenbetreuung und gezielte Einzelförderung.

Seit dem Erwerb eines ‘jungle-gyms’, einer Kletter-, Schaukel-, Turneinheit, sind unsere Kinder fanatische Akrobaten und Sportler. Es tut richtig gut frohe Kinder zu beobachten, die sich spielerisch entfalten. Sie entwickeln Selbstvertrauen und Phantasie. Wie Kinder überall auf der Welt lieben sei es in imaginären Traumhäusern zu leben. Ein paar Decken genügen, um das ‘jungle-gym’ in eine vielräumige Villa zu verwandeln.

Auch einige vielversprechende Fußballer befinden sich in unserem team; wir bereiten uns aktiv auf die Fußballweltmeisterschaft in 2010 vor! Eine weitere Anschaffung, die unseren Kindern sehr gut tut, sind neue Betten, Matratzen, Kopfkissen und Bettwäsche. Der sechsjährige an die Zukunft denkende Sifiso, sagte zu Schwester Hedwig, er sei ganz glücklich sein Bett mitzunehmen, sollte er einmal eine Anstellung finden. Sie würde also keine zusätzlichen Ausgaben mit ihm haben.

Neben dem Sizanani Centre gibt es dann auch das Sizanani Outreach Programme,

eine Antwort der Mallersdorfer Schwestern, auf die vielschichtige Not im Landkreis Nkandla (150 000 Einwohner, die in kleinen Familieneinheiten verstreut übers Land leben). Der Ministerpräsident unserer Provinz KwaZulu Natal erklärte Nkandla, zusammen mit unserem Nachbar Landkreis Msinga, zur ärmsten Gegend seiner Provinz. Nkandla ist gezeichnet von Armut, karger Infrastruktur, Arbeitslosigkeit, Krankheit. Nur 30% der Bevölkerung hat einen richtigen Schulabschluß.

Obwohl bei uns Schulpflicht herrscht, und die Familien die schulische Ausbildung ihrer Kinder als Schlüssel in die Zukunft betrachten, bleiben wir doch immer wieder auf der Strecke:unzureichend ausgebildete Lehrkräfte, häufiger Arbeitsausfall wegen Krankheit (HIV/AIDS), Demotivation, überfüllte Oberklassen (132 Schüler in einer Abschlußklasse), Mangel an Unterrichtsmaterial (keine Labors für Physik- und Chemieunterricht), – dies und vieles mehr trägt zu Schulabgangsergebnissen bei, die nicht als kompetitiv für den Arbeitsmarkt gewertet werden können.

Wir arbeiten eng mit den umliegenden Schulen zusammen und unterstützen nach besten Kräften. Letztes Jahr konnten wir über eine Nicht-Regierungs-Organisation, ARK (Absolut Return For Kids), an vier Schulen Schulspeisung anbieten. Mehr als 2500 Kinder erhielten täglich, auch an Sonn-, Feier- und Ferientagen (!!) eine warme Mahlzeit (vielleicht die einzige des Tages). Als ARK als Sponsor ausfiel, erklärte sich ein amerikanisches Privatprojekt bereit an der Velangaye High School (1250 Schüler) mit den täglichen warmen Mahlzeiten weiterzumachen, allerdings nur während der Schulzeit. Als Partner des amerikanischen Projekts halfen wir unsererseits das Schulspeisungsprojekt erneut auf die Beine zu bringen. Wir beschafften 2 simple Gasherde, Gas, neue Töpfe, Teller und Löffel. Prien half uns dabei!

Ein Privatmann aus England bietet aus Eigeninitiative an zwei weiteren Schulen täglich Obst für weitere 1100 Schüler an. Sizanani hat die Supervision dieser Schulprojekte übernommen.

Wegen politischer Fehlkalkulationen in der Bereitstellung ausreichender Elektrizität erleben wir in Südafrika gerade eine Energiekrise. Landesweit wurden die Strompreise um 50 bis 60 % angehoben (Lebensmittelpreise sind dadurch natürlich spürbar in Mitleidenschaft gezogen). Zusätzlich müssen wir geplante Stromsperren in Kauf nehmen. Nicht nur Privathaushalte leiden unter diesen Maßnahmen. Firmen, v.a. im Bergbau, in der Metallgewinnung und Lebensmittelindurstrie entlassen Angestellte. Nkandla’s Arbeitslosigkeit liegt ohnehin bereits bei 96%.

Das Haupteinkommen unserer Familien: Kindergeld, kärgliche Renten – oder Fürsorgezuwendungen.

Mit unserem Sizanani Outreach Programm versuchen wir ganzheitlich auf die Menschen mit ihren jeweiligen Bedürfnissen einzugehen. Unsere 68 Mitarbeiter werden geschult und in speziellen Aufgabenbereichen eingesetzt:

  • 28 ‘community care workers’ bemühen sich ausschließlich um Bereitstellung von Ausweisen und Beantragung von Fürsorgegeldern. Nur 15% aller Berechtigten Nkandlabürger machen von staatlicher Hilfe Gebrauch. Die Wurzel dieser Realität: Armut und Ignoranz.
  • 11 ‘community access and adherence workers’ kümmern sich um HIV/AIDS Patienten, arbeiten eng mit den Kliniken auf dem Land zusammen und ermuntern Patienten im Kampf um AIDS nicht aufzugeben.
  • 16 ‘care givers’ betreuen Familien nach unserem ganzheitlichen Model. Zusammen mit unseren zwei Sozialarbeitern, besuchen sie 750 Familien (4667 Menschen), die uns mit spezifischen Notlagen zugewiesen worden sind. Bei jedem Hausbesuch wird ausführlich auf gesundheitliche, schulische, berufliche, psychosoziale Belange sowie Aspekte der Ernährung eingegangen. Auch der Zustand des
    Wohnbereichs wird dokumentiert.


Bei diesen Hausbesuchen treffen wir vielerlei Not an. Kinderfamilien (wir betreuen 39), die  möglicherweise den ganzen Tag nichts zu Essen hatten; AIDS- oder TBC – Kranke, die ihre  Medikamente auf leeren Magen einnehmen müssen; hilflose Menschen, die sich nicht selber versorgen können.

Neben intensiver Beratung bieten wir konkret Hilfe an, je nach Bedarf: Körperliche Pflege von  Verwahrlosten/Kranken; Reinigen von Wohnungen und Versorgung verschmutzter Wäsche; Bereitstellung von Essenspaketen (etwa 90 pro Monat), Saatgut, Geld für Transport zu Aemtern (Mitunter transportieren wir unsere ‘Kunden’ mit unseren Autos um einen Amtsweg zu beschleunigen), Geld für Paßbilder, Geld für Medikamente oder Renovierungsarbeiten an baufälligen Lehmhäusern, ein Schloß für schlecht schließende Türen, finanzielle Unterstützung in andersweitigen Notlagen – z.B. bei Todesfällen, wenn betroffene Familien während der Trauerzeit sämtliche Nachbarn und Besucher, die zum Beileidbekunden kommen, mit einer ‘kleinen Erfrischung’ versorgen sollen, lokale Tradition, die viele Familien in Verlegenheit bringt, weil sie sich nicht einmal das Leichentuch für den Toten, den Sarg oder die Dienste der Totengräber leisten können.

Ihr ‘Run for Life’, eine Geste außergewöhnlicher Großzügigkeit und Mitsorge um benachteiligte, ausgelieferte Kinder und Familien in unserem Umfeld, das von Krankheit, Armut, und Arbeitslosigkeit geprägt ist, ermöglicht uns durch unsere Präsenz und Interventionen Zeichen der Hoffnung zu setzen. Durch Ihre wunderbare ‘Run for Life’-Aktion haben Sie eine Brücke geschlagen zu den Herzen vieler Menschen hier, deren Leben ein täglicher Kampf ums pure Überleben ist.

Während Sie sich durch Ihren Lauf/Sprint physisch verausgabten, um uns Hilfe anbieten zu können, gehen wir nun Schritt für Schritt den Lebensweg mit unseren Kindern und Familien mit und bieten materielle, psychische und spirituelle Unterstützung und menschliche Nähe an.

DANKE Ihnen allen (again and again) für Ihre Großherzigkeit.
Möge der Segen, der Sie für uns sind, in vielfacher Weise zu Ihnen zurückkehren und Ihr Leben reich und froh machen.

Sehr herzlich grüßt Sie, im Namen aller Mitschwestern, Mitarbeiter, Kinder und “Sizanani-Familien”,

Ihre
M. Ellen